Die Geschichte von Blens

 

Die Geschichte von Blens: Auszug aus dem Buch „Heimbach – Geschichte einer Stadt“ von Dr. Norbert Saupp – Mit freundlicher Genehmigung der Stadt Heimbach © 1993.

„Wer von dem gegenüberliegenden Wege Blens betrachtet, der bleibt unwillkürlich stehen, entzückt von der Lieblichkeit dieses Landschaftsbildes, in welchem das freundliche Dörfchen ein das Auge mächtig anziehender Punkt bildet, namentlich wenn der goldene Schein der Sonne auf ihm ruht und sein Abbild auf dem klaren Spiegel des Ruhrstromes erscheint.“1

So beschrieb der Reisende Hermann Rehm das auf der linken Rurseite gelegene Dorf Blens im Jahr 1888.
Der Name des möglicherweise an der Stelle einer vorrömischen Siedlungsstätte gewachsenen Dorfes stammt vermutlich von einer keltischen Bachbezeichnung. Sprachforscher vermuteten, dass dem Begriff Blens „ein alteuropäischer Gewässername, etwa Palantia, zugrunde liegen“ könnte .2 Eine Herleitung aus der lateinischen Bezeichnung „Bilensis“ ist ebenso möglich, aber auch nicht belegbar.
Die Benennung des Dorfes mit den Namen Blense, Plense und Pleinse ist in Urkunden aus der Zeit des 12. Jahrhunderts überliefert. Noch im aktuellen Sprachgebrauch des rheinischen Dialektes wird Blens von den Dorfbewohnern nur Bleis oder Bleus genannt. Wegen der topographischen Lage des Dorfes in der geschützten Talmulde, wo zudem der (Oden)- bach in die Rur mündet, erscheint eine vorrömische Besiedlung als nicht unwahrscheinlich. Konkrete archäologische Hinweise fehlen jedoch bisher. Es ist darüber hinaus nicht ungewöhnlich, dass sich die Namen kleiner Ansiedlungen von Besonderheiten der Umgebungsbeschaffenheit oder Gewässernamen herleiten lassen. Für diese Namenserklärung des Ortes Blens fehlen allerdings derzeit noch die schlüssigen Belege.
Erst im 12. Jahrhundert lassen sich Abkömmlinge des Ortes in den Geschichtsquellen finden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass an dieser Stelle vorher keine Besiedlung existierte. Eine vollständigere Quellenüberlieferung könnte möglicherweise besser Aufschluss geben über eine frühere Siedlung in Blens. Diese Ortsbezeichnung aber lässt sich derzeit lediglich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen.
In der Zeit um 1100 wurde es üblich, den eigenen Vornamen mit einem Nachnamen zu versehen, der eine Herkunftsbezeichnung in Form eines Burgnamens ausdrückte. Im bürgerlichen Bereich entwickelte sich dieser Nachname erst sehr viel später zu einem Familiennamen, der Berufs-, Herkunfts- oder andere typische Familienmerkmale enthielt.3
Spätestens um die Mitte des 12. Jahrhunderts existierte in Blens eine burgähnliche Wohnanlage, wahrscheinlich eine sogenannte Motte. In Form einer Niederungsburg war dies vermutlich nichts anderes als eine etwas großzügigere Hofanlage, die zum Schutz mit Lehmmauern umgeben war, und einer herrschaftlichen Familie Wohnraum und den Lehnsleuten, Dorfbewohnern und Bediensteten Schutz bot, sowie Repräsentationszwecken z. B. für Jagdgesellschaften genügte. Es ist anzunehmen, dass es sich schon zu dieser Zeit um ein mit den Herrschern von Jülich verwandtes kleines Rittergeschlecht handelte, das in Friedenszeiten vornehmlich landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Aufgaben übernahm.
Dem Grafen Wilhelm von Jülich musste der Hof in Blens zumindest ab 1237 (wahrscheinlich schon früher) einen Förster stellen und unterhalten. Dafür erhielt man unter anderem begrenzte Nutzungsrechte zum Holzeinschlag. Auch die Dorfbewohner hatten unter dem Schutz des Hofguts und Hoflehens Rechte an Brandholz und Weidenutzung.4
In den Urkunden der Kölner Erzbischöfe, die neben ihrer sakralen Aufgabe auch Territorialfürsten waren, finden sich zum Beispiel im 12. Jahrhundert ein Johann von Blens (1112-1136) und ein Anton von Blens (1193-1197).5
In einer Schenkungsurkunde des Kölner Klosters Maria im Capitol vom 10. Mai 1241 wird als Äbtissin eine Agnes von Blens genannt.Dieses Kloster besaß in der Umgebung von Wollersheim umfangreiche geerbte Landbesitzungen. Vielleicht war dies ein Grund für die herrschaftliche Blenser Familie, eine Tochter in dieser Kongregation unterzubringen.
Als Nideggener Schöffe nennt eine Urkunde vom 13. Dezember 1330 einen Arnolt van Blense.7 Aus der Zeit vor 1380 stammt eine weitere Nideggener Urkunde, derzufolge ein Henken Poelsun von Blens (Bleynse) als Zeuge und Bürge dort vor Gericht stand.8 Zu jener Zeit war die Burg Nideggen bevorzugte Residenz der Jülicher Grafen.
Im ausgehenden 14. Jahrhundert kommt das Hofgut Blens durch Heirat an die mit den Grafen von Jülich verwandten Herren von Berg bei Eicks.9 Fortan wird die in Blens residierende Herrschaft als „von Berg genannt Blens“ bezeichnet. Eine Nideggener Urkunde vom 6. Januar 1388 ist von dem Junker Balduin von Berg gesiegelt. Er war der erste Burgherr dieser neuen Herrschaftslinie („baldewin vom beirge wonende zu bleinss“).10 Seit 1431 ist Blens, das zum jülichen Amt Nideggen gehörte, als landtagsfähiges Rittergut verzeichnet. Zu diesem Gut Blens gehörten unter anderem der Hof Habersauel und der Schaumannshof in Hergarten.11
Mehr als 150 Jahre blieb Blens im unmittelbaren Besitz derer von Berg. Erst durch die Nachkommen Wilhelms von Berg gen. Blens änderte sich dies.

Gut Lüppenau. Lange Jahrhunderte bestimmender Machtfaktor in der Geschichte von Blens.

Gut Lüppenau. Lange Jahrhunderte bestimmender Machtfaktor in der Region zwischen Heimbach und Nideggen.

Wilhelm von Berg war verheiratet mit Eva von Hetzingen. Sie hatten zwei Töchter: Barbara bekam das Gut Lüppenau, das sie in ihre Ehe mit Wilhelm von Reuschenberg einbrachte; Agnes heiratete 1534 Johann Dietrich Kolf von Vettelhoven und erbte Blens und Hausen. Ihre beiden Söhne, Dietrich und Bertram erhielten Hausen und Blens zum Erbe.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gehörte Blens daher Bertram Kolf zu Blens und Vettelhoven, der mit Maria Raitz von Frenz von Fliesteden verheiratet war.
Hausen ging an Dietrich Kolf zu Blens und Vettelhoven.
Bereits in dieser Zeit muss in Blens neben der Furt eine Rurbrücke existiert haben. In einer beurkundeten Klärung der Herrschafts(Lehens)-grenze zwischen Wilhelm von Reuschenberg (Lüppenau) und den Kolfs in Blens wird das Gebiet des Reuschenbergers als „von der Meessbach zu Abenden biß . . . die blentzer brück“ bezeichnet.12 Vielleicht besteht ein Zusammenhang mit einer möglicherweise begehbaren (hölzernen?) Sicherung auf der Rur, die man zum Schutz des Wasserrades des Burgmahlwerks‘errichtet hatte.13
Für die Jahre 1576 und 1577 erfahren wir von einem Blenser Schultheiß namens Peter Kuntzer, der bei Verhandlungen vor dem Gericht des Amtes Nideggen als Schöffe mitwirkte.14
Das Abhängigkeitsverhältnis zwischen den kleinen Burgherrschaften oder Rittergütern und dem Hoheitsanspruch des Kurfürsten, dem Herzog von Jülich, basierte auf einem bisweilen trivialen Abgabensystem. So mussten Blens und Hausen im Jahr 1557 zusammen 15 Hühner an die „Churfürstliche Durchlaucht“ abliefern.15
Gemäß einem Edikt von 1582 nahm der Schultheiß von Schloss Heimbach als Vertretungsinstanz der Jülicher Herrscher ein steuerähnliches „Pfenningsgeld“ von den Blensern ein.16 Nach dem Tod von Maria Raitz von Frenz und Fliesteden im Jahre 1600 (ihr Mann Bertram Kolf zu Blens war bereits vor 1576 gestorben) übernahm die älteste Tochter Maria die gesamte Herrschaft Blens. Dazu gehörte auch die Kapelle, die sie bereits 1600 mitsamt Einkünften dem Kloster Mariawald schenkte.17
Durch die Heirat dieser Maria Kolf zu Blens und Vettelhoven mit Johann Otto von Gertzen genannt Sintzig, Herr zu Sommersberg, kam Blens in die Hände der Familie von GertzenAm 7. September 1634 übertrugen die Grafen von Julien dem Johann Bertram von Gertzen zudem die Gerichtsbarkeit des Dorfes Blens.18
1710 wurde die Herrschaft Blens von der Familie von Marsberg übernommen. Durch die eheliche Verbindung der Maria Anna, Freiin von Marsberg zu Blens, mit Franz Hugo Edmund von Beissel zu Gymnich, Herr zu Schmidtheim und Frenz kam Blens in der Mitte des 18. Jahrhunderts in das Eigentum der von Beissels zu Gymnich.19 Noch heute ist die Burg Blens im Besitz von Olga, Freifrau von Beissel zu Gymnich, verheiratet mit Luitpold von Abercron.
Von der alten Burganlage Blens, deren Entstehungszeit man wohl spätestens für das 12. Jahrhundert annehmen kann, ist nichts übrig geblieben. Erhalten ist heute im wesentlichen das 1791 erbaute zweigeschossige Wohnhaus der ehemals vierflügeligen mittelalterlichen Hofanlage. Franz Ludwig Karl Anton Freiherr von Beissel zu Gymnich errichtete dieses Wohnhaus vermutlich auf den Grundmauern der alten Burg. Ob zu dieser Zeit noch die Vorburg mit Rundturm und der grosse Rundturm mit spätgotischem Kegeldach hinter dem ehemaligen Hauptgebäude standen, ist nicht bekannt. Die Zeichnungen Roidkins aus dem frühen 18. Jahrhundert (siehe auch oben) sind wahrscheinlich die letzten Zeugnisse der Reste der mittelalterlichen Architektur von Burg Blens.

Hofportal von Burg Blens. Kernstück der Anlage ist heute das um 1791 erbaute Herrenhaus. Geschichte Blens

Hofportal von Burg Blens. Kernstück der Anlage ist heute das um 1791 erbaute Herrenhaus.

Eine nicht aus der Feder Roidkins stammende Skizze der Burg Blens aus dem Jahr 1723 zeigt die Burganlage mit einem monumentalen dreigiebeligen Herrenhaus.20 Die im Codex Welser enthaltene Zeichnung vermittelt vor dem Hintergrund ihrer Entstehungszeit aber eher den Eindruck eines Planungsentwurfes. Möglicherweise war Franz Ludwig Freiherr von Beissel nicht der erste Besitzer, der das alte Herrenhaus durch einen Neubau ersetzen wollte.
Eine bemerkenswerte Seltenheit ist die heute noch gut erhaltene Hofbepflasterung der Burg aus Rurkieseln. Inzwischen steht die Burg Blens unter Denkmalschutz.
Eng mit der Entstehung von Burg und Dorf ist die Geschichte der St. Georgs-Kapelle verbunden. Allein die Lage des Kirchenbaus direkt neben Burg Blens verdeutlicht dies.
Früheste Erwähnung findet die Kapelle in einer Urkunde aus dem Jahr 1371. In den Visitationsprotokollen des Bistums erscheint sie in den Jahren 1550 und 1559.21
Das Kirchspiel Blens war Teil der Pfarrei Berg vor Nideggen. Das Personatsrecht dieser Pfarrei Berg lag bei dem jeweiligen Besitzer des Gutes Lüppenau. Somit gehörte es zu den Aufgaben der in Lüppenau residierenden Familien, Pfarrer oder Verwalter der Pfarrstellen der zu Berg gehörenden Kirchengemeinden zu bestellen. Dies geschah offensichtlich in Anlehnung an das im Hochmittelalter übliche Eigenkirchenwesen der Fürstenhäuser. Die herrschaftlichen Besitzer von Burgen und Schlössern entschieden frei, welcher Geistliche die Seelsorge in Burg- oder Schlosskirche übernahm. Höhepunkt dieser Entwicklung war der Investiturstreit, aus dem die päpstliche Kirchenorganisation gestärkt hervorging, und fortan größeren Einfluß auf die Einsetzung der Priester nahm.
Da das Gut Lüppenau im 15. Jahrhundert im Besitz derer von Berg genannt Blens war, hatten diese auch Entscheidungsbefugnis in nahezu allen die St.-Georgs-Kapelle betreffenden Fragen.22 Für die finanzielle Grundlage dieser Aufgaben wurden aber auch die Bewohner des Kirchspiels und damit alle Gemeindemitglieder herangezogen. So erhielt zum Beispiel der Personatsberechtigte die Hälfte der steuerähnlichen Abgaben des „Großen Zehntes“. Die andere Hälfte ging an die Landesherrn, die Herzöge von Jülich.
Als Gegenleistung musste der Personatsinhaber aber nicht nur Personal (Priester, Küster etc.) unterhalten, sondern war auch maßgeblich an eventuellen Kirchenbaukosten beteiligt.23 Wie oben bereits erwähnt, stiftete Maria Kolf zu Blens und Vettelhoven dann um 1600 die Kapelle mitsamt den Einkünften dem Kloster Mariawald.24
Mit der in der damaligen Zeit nicht ungewöhnlichen Klosterstiftung verzichtete sie nicht nur auf das Patronatsrecht, um vielleicht eine religiöse Erhöhung im Jenseits zu erfahren, sondern entledigte sich damit auch der Schwierigkeiten und finanziellen Mühen, die diese Aufgabe mit sich brachte. Von diesem Zeitpunkt an kümmerten sich die Mönche des Priorats Mariawald um die Seelsorge in Blens. Dem Konvent kamen die zusätzlichen Einkünfte aus gestifteten Pfarreien und Vikariaten durchaus nicht ungelegen.
Zumindest die Namen von drei der Mariawalder Vikare von Blens sind überliefert. Einer der ersten Mönche in Blens war Pater Hermann Fick aus Euskirchen. Er starb 1629 in Blens, wurde aber in Mariawald begraben. Ferner bekannt sind Pater Johannes Mickius und der spätere Prior von Mariawald, Pater Wilhelm Brewer. Der aus Hergarten stammende Brewer wirkte vermutlich zwischen 1648 und 1666 in Blens, bevor er zum Prior des Konventes von Mariawald gewählt wurde.25 Das Verhältnis zwischen Brewer und den Blenser Gemeindemitgliedern hatte sich zuletzt wohl recht abgekühlt. Man schenkte der Erhaltung der dem Vikar zur Verfügung gestellten Wohnung offenkundig keinerlei Aufmerksamkeit mehr. Als das Haus um 1666 dann vollkommen in sich zusammenfiel, sah der Vikar seine Seelsorgetätigkeit in Blens als erledigt an, und entschwand.26
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts halfen dann die Mönche des Nideggener Minoritenklosters bei der Seelsorge in den umliegenden Dörfern. In der Blenser St.-Georgs-Kapelle übernahmen sie die Frühmesse.27
Der Pfarrei Berg (Nideggen) gehörte die Kapellengemeinde Blens bis 1804 an.
Erst nach der kirchlichen Neuordnung unter dem Druck der französischen Herrschaft wurde Blens, das nun zum Kanton Froitzheim gehörte, mit der ebenfalls neu entstandenen Pfarre Hausen vereinigt. Hausen war vordem ein Teil der Pfarrei Vlatten gewesen.28
Die von den Franzosen verordnete allgemeine Enteignung (Säkularisation) von ehemals öffentlichen und kirchlichen Besitztümern zeigte vor allem bei den Klöstern Wirkung. Auch die Mönche von Mariawald und die Nideggener Minoriten mussten ihre Arbeit beenden und ihre Klöster verlassen. Die schon vor den restriktiven Massnahmen der französischen Verwaltung ohnehin dürftige kirchliche Seelsorgearbeit in Blens drohte nun vollends zu versiegen.
So lassen sich zum Beispiel anhand der Tauforte einiger Blenser Kinder Rückschlüsse ziehen auf eine vermutlich nur mehr spärliche Seelsorge in Blens. Ein Sohn des Gutspächters, Werner Lauterbach (geb. 23. 2. 1792 in Blens), und dessen spätere Frau, Anna Gertrud Peil (geb. 29. 2. 1792 in Blens), wurden in der Pfarrkirche zu Berg getauft. Dass man mit den Neugeborenen diesen Weg auf sich nahm, obschon in Blens eine Kapelle existierte, deutet stark darauf hin, dass dort keine regelmäßige Seelsorge mehr stattfand, oder die Blenser Kapelle bereits wegen Baufälligkeit nicht mehr benutzt wurde.
Überdies verhinderten der unregelmässige Wasserstand der Rur und die immer wiederkehrenden Hochfluten einen geregelten sonntäglichen Kirchgang der Blenser Christen nach Hausen: „Blens liegt auf der linken Röhrseite . . ., hat eine neue erbaute Fußbrücke, welche jedoch bei dem Anschwellen genannten Flusses ein und das andere Mal im Jahr nicht zu passieren ist, wodurch Blens von Hausen und Hausen von Blens abgeschnitten ist. Wenn sich dieser Fall ereignet, hat Blens anders keine Kirche noch Seelsorge als jene der Pfarre Schmitt, Dekanat Montjoie, fünf viertel Stunde entlegen durch Waldungen und Wüsten einen schier unzugänglichen Weg. Hausen hat hingegen in diesem Fall die Kirche in Heimbach auf besserem Wege und nur eine halbe Stunde entlegen.“29
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kümmerten sich die Blenser daher zunächst um die Errichtung einer neuen Kapelle. Das alte Gotteshaus war baufällig geworden.
Angetrieben von der finanziellen und tatkräftigen Unterstützung des aus Blens stammenden Benediktinerpaters Aegidius Hubert Lauterbach (geboren am 22. Februar 1768 in Blens), arbeiteten die Bewohner von Blens am Neubau der den Heiligen Georg und Blasius geweihten Kapelle, die im Jahr 1807 fertiggestellt wurde.
Aegidius Lauterbach war der vermutlich älteste Sohn des Pächters von Burg Blens, Hubert Lauterbach. Der in derart exponierter gesellschaftlicher Stellung aufgewachsene „erste Sohn des Ortes“, war als Ordensbruder in die Abtei Brauweiler gegangen, und wirkte zwischen 1813 und 1817 als Pfarrer in Wisskirchen, bevor er als Pfarrer von 1817 bis 1845 die Gemeinden der Pfarre in Berg betreute.
Sein Engagement für das kirchliche Leben der Kapellengemeinde Blens intensivierte Aegidius Lauterbach durch eine grosszügige Stiftung von 3 000 Talern, mittels der eine Vikarstelle als dauernde Einrichtung und zusätzlich ein Vikarie-Wohngebäude in Blens finanziert werden sollten. Lauterbach hoffte, auf diesem Wege eine dauerhafte kirchliche Seelsorge in Blens zu erreichen, und gleichzeitig eine möglichst grosse Unabhängigkeit von der Pfarrgemeinde Hausen zu bewahren. Unterstützt wurde er dabei von dem Königlichen Landrat, Graf Johann Anton Beissel zu Gymnich, der als Eigentümer von Burg Blens das neben Kapelle und Burg gelegene Baugrundstück für das Vikariat kostenlos zur Verfügung stellte. Dies geschah wahrscheinlich auf Grund der guten Beziehungen zu dem Vater von Aegidius Lauterbach, der als Gutspächter Burg Blens verwaltete.
Es liegt nahe, dass ein direkter Zusammenhang bestand, zwischen dem Engagement Lauterbachs für den Erhalt und die Eigenständigkeit der Kapellengemeinde Blens, und der Eingemeindung von Blens als Filialgemeinde unter die Oberhoheit der neu geschaffenen Pfarrei Hausen (1804).
Als nämlich nur wenige Jahre später bei der Planung des Neubaus der Hausener Kirche auch der Blenser Filialgemeinde ein erheblicher finanzieller Anteil der Baukosten aufgebürdet werden sollte, regte sich in Blens energischer Widerstand.
Das Pfarrhaus in Hausen war 1819/20 zum wiederholten Mal abgebrannt; da zudem die Kirche in sehr baufälligem Zustand war, bereitete man gleichzeitig auch Pläne für einen Kirchenneubau vor. Kommunalbaumeister Ulich, der mit der Gesamtkonzeption betraut war, konnte am 11. Oktober 1820 dem Landrat Syberg über den Stand der Dinge aber nur mitteilen, die zahlungsunwilligen Blenser „hätten die Absicht geäussert, die Ortschaften Hausen und Abenden einzugemeinden“.30 Durch den entschiedenen Blenser Widerstand verzögerte sich der Kirchenbau in Hausen erheblich.
In dieser Situation scheint Aegidius Lauterbach die Idee der Vikariats-Stiftung entwickelt zu haben, um so die Unabhängigkeit und Eigenständigkeit der Blenser Gemeinde zu festigen. Sogar gegen Ende der 1820er Jahre war der Unwillen gegen die Kostenbeteiligung am Kirchenneubau in Hausen bei den Blenser noch so stark, dass sie ein eigenes Gutachten über den Grad der Baufälligkeit der alten Hausener Kirche in Auftrag gaben. Der damit betraute Maurermeister Kremer aus Kesternich bemerkte die starken Rissbildungen im Mauerwerk, und prophezeite einen möglichen baldigen Einsturz des Gebäudes. Daraufhin unterbreitete die Gemeinde Blens der Regierung in Aachen den Vorschlag, dass doch die Hausener Gemeinde die geräumige Kapelle in Blens für den Kirchgang nutzen könnte. „Auch ein Pfarrhaus mit Garten und Kirchenhof werden errichtet, ohne die Gemeinde Hausen im geringsten durch Baukosten zu belästigen.“ Dieses Ansinnen der Blenser wurde aber vom Erzbistum und der Regierung in Aachen im Frühjahr 1829 endgültig abgelehnt. Nachdem in der 1835 neuerbauten Hausener Kirche der erste Gottesdienst gefeiert worden war, gab es erneut Streit über die Höhe des Kirchturms, an dessen Baukosten auch die Blenser Gemeinde beteiligt werden sollte. In Blens befürwortete man daher einen kleinen Turm.31
Trotz des energischen Widerstandes der Blenser Gemeinde musste sie 1/3 der Baukosten der Hausener Kirche übernehmen. Dies geschah durch Umlage auf die Grund- und Klassensteuer, sowie in Form von Hand- und Spanndiensten.
Immerhin aber war die Stiftung Lauterbachs am 8. April 1835 von Ferdinand August, Erzbischof von Köln genehmigt worden, und erhielt ihre endgültige Zustimmung vom Preussischen Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten in Berlin am 14. April 1836. Ein Jahr später übergab der Stifter das Geld an den zuständigen Notar in Bürvenich.32
Aegidius Lauterbach übernahm selber als erster Geistlicher die neue Vikarstelle in BlensNach einer zweifelhaften Mitteilung von Quix soll Aegidius Lauterbach bereits 1839 als Pfarrer in Blens gewirkt haben.33
Als Inspektoren für den Erhalt und die ordnungsgemäße Nutzung der Stiftung bestimmte Lauterbach die finanzstärksten Blenser Bürger: seinen Schwager und Gutspächter, Wilhelm Grouven, sowie Heinrich Metzmacher und Heinrich Müller.34
Bis zu seinem Tod am 23. Dezember 1851 lebte er bei seinen Verwandten in Blens.35
Als Vikar in Blens wird 1869 in den Urkunden ein Arnold Martin Thomae genannt. Er versorgt auch die Gemeinde Hausen, als der dortige Pfarrer Arrentz versetzt worden war 1887 scheint Thomae immer noch als Vikar in Blens tätig gewesen zu sein.
Um 1920 ist eine der ursprünglichen Glocken des ersten Kapellenbaus eingeschmolzen worden. Sie soll neben der Inschrift: „Katerina heissen ich“ die Jahreszahl 1451 getragen haben.36
In der Kapelle zu Blens befinden sich heute zwei Glocken, die aus den 20er Jahren dieses Jahrhunderts stammen. Wie der Neubau der Kapelle von 1807 sind auch die Glocken von 1922 den Heiligen Georg und Blasius gewidmet. Die kleinere Glocke könnte ein Neuguss der alten (möglicherweise beschädigten?) Glocke aus dem 15. Jahrhundert sein. Auch die grosse Glocke ist 1922 gegossen worden, musste im Zweiten Weltkrieg (1942) für die Metallschmelze abgeliefert werden, scheint aber der Vernichtung entgangen zu sein, und wurde 1963 in einem Neuguss aufgearbeitet
– Die Inschrift der kleinen Glocke lautet: „St. Blasi AD 1922 Petit u. Gebr. Edelbrock Gescher i. Westfalen“ (Oben an der Glocke befinden sich alte Verzierungen.)
– Die Inschrift der grossen Glocke lautet: „St. Georgi AD 1963 prima campana 1922 tempore belli 1942 deprehensa Hans Hueske Petit u. Gebr. Edelbrock Gescher i. Westfalen“
Nach der Besetzung der linken Rheinlande durch die Franzosen und die organisatorische Zusammenfassung dieses Gebiets in das Departement de la Roer 1798, wurde Blens in den Kanton Froitzheim eingegliedert und 1804 der Pfarrei Hausen als Kapellengemeinde angeschlossen. Vornehmlich der zum damaligen Zeitpunkt äusserst fortschrittlichen französischen Verwaltung ist es zu verdanken, dass heute eine Fülle von Bevölkerungsdaten existiert, mittels derer die individuellen Familienstrukturen und sozialen Lebensbedingungen der Menschen in der Nordeifel erkennbar werden.
Noch aus dem Jahr 1767 stammen aber Bevölkerungserhebungen der Ämter im gesamten Herzogtum Jülich.

Geschichte Blens. Ansiedlung im Rurtal um Burg und Odenbach. Katasterkarte aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Blens. Ansiedlung im Rurtal um Burg und Odenbach. Katasterkarte aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Blens gehörte zum Amt Nideggen und wies zu diesem Zeitpunkt (1767) etwa 35-40 Häuser mit 168 Bewohnern auf, von denen sich der weitaus überwiegende Teil von der Landwirtschaft ernährte. Auch die Kinder wurden in die Feld- und Stallarbeit mit eingespannt, wie die Statistik über die „Mägde unter 12 Jahren“ belegt. Ab dem 12. Lebensjahr wurden die Kinder ohnehin als Vollarbeitskraft eingesetzt.37
Knapp 50 Jahre später hatte sich die Bevölkerungszahl von Blens kaum verändert. Im Jahr 1812 zählten die französischen Verwalter in Blens 40 Häuser mit insgesamt 38 Feuerstellen. Die 29 ansässigen Familien hatten zusammen 89 Kinder; hinzu kamen 12 verwitwete und 11 ledige Personen. 38
Bei der empirischen Erfassung der Bevölkerung bedienten sich die französischen Zähler einer einfachen Methode. Sie versahen alle Häuser mit einer fortlaufenden Nummer und führten dann eine Liste aller Hausbewohner nach Alter und sozialem Stand. An der Spitze stand immer der (männliche) Haushaltungsvorstand. Aufgeführt wurden dann die Ehefrau, eventuell im Haus mitlebende Eltern und Geschwister, sowie Kinder, und am Schluss etwaige Angestellte.
Die Blenser Bevölkerungslisten aus der Franzosenzeit beginnen stets mit Burg Blens als Hausnummer 1. Dann folgen die Häuser der heutigen St.-Georg-Strasse in Richtung Blenser Platz und die Odenbachstrasse in Richtung Wald. Pützfeldstrasse, Greenstrasse und Gartenstrasse waren damals noch freie Ackerflächen.

Geschichte Blens: Luftaufnahme von Blens Anfang der 1990er Jahre. Foto: © Copyright Herbert Lerho.

Luftaufnahme von Blens Anfang der 1990er Jahre. Foto: © Copyright Herbert Lerho.

Die Bevölkerungsliste aus dem Jahr 1812 gewährt darüber hinaus nicht nur einen punktuellen Einblick in die Familienverbände, sondern zeigt auch ein Stück sozialer Entwicklung.
In der Liste des Jahres 1812 wurden hinter den Hausnummern diejenigen Nummern der Häuser eingearbeitet, in denen die betreffenden Familien im Jahr 1799 gewohnt hatten.
Eheliche Verbindungen im Dorf, der Bau neuer Häuser und andere soziale Bewegungen in Blens lassen sich so leichter ablesen.39
Die Verhandlungen der europäischen Grossmächte auf dem Wiener Kongress 1815 bedeuteten für die Eifelregionen wiederum einen politischen Umschwung. Die auf den Schlachtfeldern geschlagenen und von Herrschaft und Verwaltung verdrängten Franzosen mussten die linken Rheinlande an das Königreich Preussen abgeben. Das ehemalige französische Rurdepartement wurde in Preussische Rheinprovinz umbenannt.
Blens gehörte nun zum Amt und zur Bürgermeisterei Heimbach.40
Eins der herausragenden Ereignisse unter der preussischen Verwaltung war der Bau einer grossen hölzernen Rurbrücke in Blens im Jahr 1833. Die von Kommunalbaumeister Ulich entworfene Brückenkonstruktion wurde bei dem Nideggener Unternehmer Johann Heinrich Drove in Auftrag gegeben. Die Kosten wurden auf die gesamte Bürgermeisterei Heimbach umgelegt.
Die im Jahr 1846 eingeführte neue preussische Gemeindeordnung hatte für Blens ganz besondere Auswirkungen. Die im wesentlichen auf einer Wahlrechtsreform basierende Neuordnung bewirkte, dass das aktive und passive Wahlrecht nach Höhe der von den Bürgern individuell geleisteten Abgaben erteilt wurde. Nach dem neuen preussischen Dreiklassenwahlrecht konnte der Gemeinderat zum Beispiel fortan nur noch von den Bürgern gewählt werden, die eine bestimmte Steuergrenze überschritten. Das hatte unter anderem aber auch zur Folge, dass Wilhelm Grouven, der Pächter von Burg Blens, dem 12köpfigen Heimbacher Gemeinderat als ausserordentliches 13. Mitglied angehörte, weil er der größte Steuerzahler der Bürgermeisterei Heimbach war. Blens hatte somit zwei Vertreter im Gemeinderat.
Jede Gemeinde musste überdies für die kriegerischen Auseinandersetzungen Preussens eine bestimmte Anzahl von Soldaten bereitstellen. Am Feldzug gegen Dänemark im Jahr 1864 nahm Martin Heiliger aus Blens teil. 1866 zogen Josef Heiliger und Peter Josef Müller aus Blens in den Krieg gegen Österreich.

Geschichte Blens: Blenser Rurbrücke vor dem 2. Weltkrieg.

Blenser Rurbrücke vor dem 2. Weltkrieg.

Die erste steinerne Brücke in Blens wurde 1881 fertiggestellt. Der Gemeinderat hatte bereits am 12. 12. 1879 die Ersetzung der 1833 erbauten hölzernen Brücke durch eine massivere aus Stein beschlossen. Noch vor dem eigentlichen Baubeginn aber wurde die Holzbrücke nach der Eisschmelze und dem darauffolgenden Rurhochwasser im Frühjahr 1880 fortgerissen und weggeschwemmt. Die Gesamtbaukosten beliefen sich auf 25 732 Mark; Provinzverwaltung und Regierung gewährten einen Zuschuss von insgesamt 5 500 Mark.

Vertreter der Blenser Bürger im Gemeinderat Heimbach:
-1833 Christian Keul
1833-1837 Wilhelm Lauterbach
1837-1840 Stephan Metzmacher
1840-1866 Wilhelm Grouven
1846- Christian Wollseiffen
Beigeordneter im Gemeinderat und Gemeindevorsteher von Heimbach:
1846-1866 Wilhelm Grouven (Größter Steuerzahler Heimbachs)

Eine neue Phase kommunaler Verwaltung von Blens und Hausen begann in der Mitte der 1880er Jahre. Beide Ortschaften erstrebten die Zusammenfassung zu einer neuen – von Heimbach getrennten – Gemeinde. Der Gemeinderat Heimbach hatte bereits 1884 eine Kommission zur Prüfung dieses Ansinnens gegründet. Am 22. 12. 1886 kam es dann zur endgültigen Trennung. Hausen und Blens gründeten eine eigene selbständige Gemeinde, die zwar weiterhin mit Heimbach kooperierte, aber verwaltungstechnisch vollkommen auf sich selbst gestellt war. Infolge der neuen Verhältnisse musste nicht nur in Hausen/Blens ein Gemeinderat installiert werden, sondern es mussten auch Neuwahlen in Heimbach und Hausen stattfinden (11. März 1887). Zum neuen Vorsteher der Gemeinde Hausen/Blens wurde der Hausener Ackerer Heinrich Heinen gewählt.
Der Aufbruch ins 20. Jahrhundert ging einher mit einer spürbaren Verbesserung der Lebensverhältnisse. Um die Jahrhundertwende begann man in Hausen und Blens mit einem schrittweisen Auf- und Ausbau der Infrastruktur. Nicht nur eine geregelte Wasser- und Stromversorgung, sondern auch die Anbindung an die Eisenbahn kündigten sich an. 1896 wurde der Feldweg zwischen Hausen und Blens, und damit die Hauptverbindung beider Gemeindeteile, ausgebaut.
Im Jahr 1900 arbeitete man an der Fertigstellung des Odenbachwegs, dem heutigen (oberen Teil) der Odenbachstrasse. Am 1. August 1903 wurde die Bahnlinie Kreuzau-Heimbach bis Blens für den Verkehr freigegeben.

Geschichte Blens: Hand- und Spanndienste haben in Blens lange Tradition. Gemeinsamer Bau der Wasserleitung im Jahre 1905.

Hand- und Spanndienste haben in Blens lange Tradition. Gemeinsamer Bau der Wasserleitung im Jahre 1905.

1905 kam der Bau der Wasserleitung in den Ortschaften Hausen und Blens zum Abschluss. Wenig später begann die Stromversorgung durch die Inbetriebnahme der Kraftzentrale der Urfttalsperre in Heimbach.
Von den neuen Entwicklungen des Fortschritts profitierte auch Mathias Müller, der Stellmacher von Blens. Er errichtete im Jahr 1902 ein neues Wohnhaus mit Werkstatt an der Kreuzung der heutigen Pützfeldstraße/Odenbachstraße. Seine Bandsäge und eine Drehbank hatte er mit einer ausgeklügelten Kraftübertragung versehen, die er mit Hilfe der Wasserkraft antreiben ließ. Durch die Errichtung eines kleinen Stauwehrs konnte er den über sein Grundstück fliessenden Odenbach zu einem Teich anstauen, dessen Ablauf er nach Bedarf auf ein Wasserrad leitete, um so die Maschinen in Schwung zu setzen.

Geschichte Blens: Blick von der Rurseite auf die Stellmacherwerkstatt Müller in Blens - mit Wasserrad und Odenbachstauwehr. Ölgemälde von Pützhofen-Hambüchen (um 1930).

Blick von der Rurseite auf die Stellmacherwerkstatt Müller in Blens – mit Wasserrad und Odenbachstauwehr. Ölgemälde von Pützhofen-Hambüchen (um 1930).

In einem Genehmigungsgesuch an den Bürgermeister von Heimbach beschrieb Mathias Müller im Jahr 1902 das Prinzip der Stauanlage so: „Das sonst nutzlos in die Rur sich ergießende Wasser wird auf diese Weise nutzbar gemacht. Das in der natürlich gebildeten Felsschlucht aufgestaute Wasser bildet ein Bassin, welches zur Sicherheit stets dicht mit Baumstämmen zugedeckt wird.“41 Von der beeindruckenden Anlage existieren heute nur noch Baubeschreibungen und Genehmigungsunterlagen. Immerhin gibt es noch ein Foto, das den Stellmacher Mathias Müller mit seinem Sohn bei der Arbeit mit der Bandsäge zeigt.

Geschichte Blens. Stellmacher Mathias Müller mit Sohn bei der Arbeit an der von Wasserkraft angetriebenen Bandsäge (1933).

Stellmacher Mathias Müller mit Sohn bei der Arbeit an der von Wasserkraft angetriebenen Bandsäge (1933).

Auch das gesellige Miteinander im Dorf entwickelte sich. Der älteste der heute noch bestehenden Blenser Vereine entstand um die Jahrhundertwende. Anfang 1900 gründeten die „Männer und Jungmänner von Blens“ den Jünglingsverein „Frohsinn“ Blens.

Mit Frohsinn und Heiterkeit wollte man altes Brauchtum und Volksgut pflegen. Zum Schutzpatron des Vereins wurde der Hl. Georg erwählt. Als Höhepunkt des Vereinslebens sollte eine Dorfkirmes gefeiert werden, deren Termin man anfangs auf den 23. April jeden Jahres festlegte. Nach mündlicher Überlieferung veranstaltete man 1903 die erste „Kirmes „.42
Doch die sozialen Probleme machten auch vor Blens nicht halt. Durch die positive Veränderung der Lebensverhältnisse stiegen die Bevölkerungszahlen. Die Fortschritte der Medizin und die Verbesserung der Hygiene ließ die Geburtenzahlen zunächst steigen und die Säuglingssterblichkeit sinken. In den kleinen, zumeist einklassigen Dorfschulen musste dies zwangsläufig dazu führen, dass die Klassen wuchsen, während die Zahl der Lehrer, sowie die Räumlichkeiten mit dieser Entwicklung nicht Schritt hielten.
Der Bürgermeister der Bürgermeisterei Heimbach, Theodor Deuser, schilderte das im Jahr 1908 entstandene Dilemma der Dorfschule der Gemeinde Hausen so: „In Hausen erwies sich der Schulsaal als zu klein, so dass die Regierung Halbtagsunterricht anordnete und die Errichtung einer 2ten Lehrerstelle vorsah. Im Gemeinderate stritt man sich darüber, ob statt der Erweiterung der Schule in Hausen nicht zweckmässiger eine Schule in Blens errichtet würde.“43
Der Schulsaal in Hausen wurde 1908 von 42 Jungen und 40 Mädchen besucht. Da dieser Zustand der Überfüllung auf die Dauer nicht tragbar war, ordnete die Regierung in Aachen im Juli 1909 die Einschulung von 12 Blenser Kindern nach Abenden an. Dafür musste die Gemeinde Hausen aber ein Gastschulgeld von 150 Mark entrichten.44 Da auch diese Lösung nicht von Dauer sein konnte, begann man im Jahr 1913 mit dem Bau einer einklassigen Volksschule mit Lehrerwohnung in Blens. Die feierliche Einweihung und Eröffnung der für damalige Verhältnisse recht grosszügig geplanten Dorfschule fand am 1. April 1914 statt. Als erster Lehrer in Blens unterrichtete Nikolaus Krings bald darauf 45 Schüler, 28 Jungen und 17 Mädchen. In der Schule in Hausen verblieben dagegen nur 26 Schüler.
Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde der gerade begonnene Schulunterricht in Blens wieder durcheinandergeworfen. Nikolaus Krings musste für den an die Front berufenen Lehrer Soldierer in Hausen einspringen, und konnte in beiden Ortschaften nur Halbtagsunterricht erteilen. Als er selbst am 1. April 1915 eingezogen wurde, musste der Unterricht bis zum 1. Juni ganz ausfallen. Danach übernahm der Lehrer Schnitzler von der Volksschule Hasenfeld an drei Tagen in der Woche den Unterricht in Blens.
Erst nach der Beendigung der Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs wurden die Auswirkungen des Krieges für die Dörfer der Nordeifel spürbar. Den zurückflutenden deutschen Truppen folgte bald die Einquartierung durchmarschierender alliierter Truppen. In Hausen und Blens nahmen von Mai bis August 1919 3 000 britische Soldaten als Besatzungstruppe Quartier. Auf den Rurwiesen zwischen Hausen und Blens wurden Zelt-Camps errichtet.
Von den politischen Wirren der frühen Weimarer Republik und den besonderen Ausformungen der Separatismus-Bewegung in der Nordeifel blieb Blens zwar nicht unberührt, schwerer wogen allerdings die sozialen Probleme, die sich vor allem in der Form von Arbeitslosigkeit ausdrückten. Seit der Jahrhundertwende hatten viele Eifeler Bauernsöhne der wenig ertragreichen Landwirtschaft den Rücken gekehrt, und waren in die Städte abgewandert. Viele suchten und fanden auch bei der Eisenbahn neue Arbeitsmöglichkeiten. „Die Bahn wurde zu einem der grössten Arbeitgeber in der Eifel.. .“.45
Doch nach dem Ersten Weltkrieg drohte den Eisenbahnern aus der Eifel erneut die Erwerbslosigkeit, da die Eisenbahn von Belgien (Eupen/Malmedy) und Frankreich als Regie-Bahn übernommen worden war. Unzählige deutsche Bahnbeschäftigte in der Eifel verloren so in den frühen 1920er Jahren ihre Arbeit.
Die miserable Erwerbssituation lässt sich auch in Blens am Beispiel von Notstandsarbeiten belegen, die im Sinne der produktiven Erwerbslosenfürsorge durchgeführt wurden. In den Jahren 1926 und 1927 wurde die seit langem geplante Regulierung und Verrohrung des Odenbachs, sowie die Chaussierung der Dorfstrasse als „große Notstandsarbeit“ anerkannt, und von der Regierung mit hohen Zuschüssen und günstigen Darlehen besonders gefördert. Trotz der wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten, die sich durch die Arbeitslosigkeit auch in Blens ergaben, versiegte scheinbar nie die Initiative zu kulturellem Miteinander. Von Anfang 1925 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bestand ein Tambourkorps in Blens, das zu allen dörflichen Anlässen aufspielte. Als Tambourmajor fungierte Peter Müller. Nach Kriegsende kam es nicht mehr zu einer Neugründung des Tambourkorps.46
Von den katastrophalen politischen Bedingungen des NS-Regimes einmal abgesehen, erfuhr die soziale Lage der Eifelbewohner durch die umfangreichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen in den dreißiger Jahren eine deutliche Besserung. Durch Westwallbau und ehrgeizige Talsperrenprojekte im Zuge der Rurregulierung wurden viele Arbeitskräfte gebunden. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und der gewaltige Aufbau der Rüstungsindustrie hatten die zusätzliche Wirkung einer künstlichen Vollbeschäftigung.
Anders als beim Ersten Weltkrieg erlebten und erlitten nun auch die Blenser zumindest die Endphase des Zweiten Weltkrieges hautnah mit. Artilleriebeschuss durch die herannahende Westfront, sowie Bombenangriffe bei Tage gehörten seit dem zweiten November 1944 zur Normalität. „Allerseelen bringt auch hier die ersten zwei Bomben, die ins Dorf einschlagen. Wenn draussen die Lightnings fliegen, müssen wir in Deckung gehen. Die schießen mit Bordwaffen auf alles, was sich bewegt.“47
Die Schäden, die von der deutschen Abwehr verursacht wurden, wirkten allerdings länger. Zum Schutz der 116. Panzer-Divison und der Artillerie, die mit schweren Geschützbatterien zwischen Blens und Abenden in Stellung gegangen war, hatten deutsche Pioniere von der 85. Infanterie-Division große Teile des Rurtals vermint. Als sie dann Mitte Februar 1945 vor den herannahenden amerikanischen Truppen flohen, hinterließen sie gesprengte Brücken und eine zerstörte Infrastruktur.48

Geschichte Blens: Englischer Besatzungssoldat in Blens auf der nach Kriegsende errichteten Behelfsbrücke. Deutsche Pioniere hatten die alte Brücke im Februar 1945 gesprengt.

Englischer Besatzungssoldat in Blens auf der nach Kriegsende errichteten Behelfsbrücke. Deutsche Pioniere hatten die alte Brücke im Februar 1945 gesprengt.

Durch die Rurbrücke in Blens verlief die Hauptwasserleitung des Dorfes. Nach der Sprengung der Brücke durch deutsche Pioniere bestand nur noch eine Verbindung zum Dorf – über einen kleinen Behelfssteg. Wasser und Strom gab es nicht mehr. Wegen der unzähligen zerstörten Eisenbahnbrücken zwischen Kreuzau und Heimbach fuhren auch die Bahnen erst wieder im Oktober 1950.
Durch den Wiederaufbau bzw. Abriss zerstörter Gebäude, und die allgemeine bauliche Entwicklung im Dorf hat das Straßenbild von Blens seit dem Krieg einige Veränderungen erfahren.
Zaghaft entfaltete sich das Blenser Vereinsleben nach der Rückkehr der kriegsgefangenen „Männer und Jungmänner“. Der Jünglingsverein wurde am 27. Mai 1951 in der Gastwirtschaft Cremer neu gegründet. Der Verein begann mit 16 aktiven und 23 Ehrenmitgliedern. Der Jahresbeitrag wurde auf 1,- DM festgesetzt. Zum Vorsitzenden wurde Paul Hurtz gewählt.
Der Verein, der sich nicht nur für die Blenser Kinnes und das Maibaumsetzen engagiert, sondern an nahezu allen geselligen und kulturellen Belangen des Dorfes beteiligt ist, hatte 1990 einen Bestand von 145 Mitgliedern.49
Der markanteste politische Einschnitt war die Umsetzung der kommunalen Neuordnung 1968. Die kleine Bürgermeisterei Hausen, zu der die Gemeinde Blens von 1886 bis 1968 gehörte, geriet gegen Ende der 60er Jahre zusehends in finanzielle Schwierigkeiten bei der Bewältigung ihrer gemeindlichen Aufgaben. So entschloss sich der Gemeinderat der beiden Ortschaften, dem kommunalen Verband der Stadt Heimbach beizutreten. Dies geschah noch vor den harten Auseinandersetzungen um die kommunale Neugliederung. Der Beitritt von Blens und Hausen in die Stadtgemeinde Heimbach verlief eher reibungslos. Seit 1968 ist Blens daher der nördlichste Stadtteil von Heimbach.

Vertreter der Blenser Bürger im Gemeinderat Hausen:
1873 Franz Hubert Müller, Mathias Lauterbach
1894 Christian Wollseiffen, Engelbert Marx
1900-1912 Paul Hubert Burtscheidt (stellv. Gemeindevorsteher)
1916 Josef Güster (Mitglied in Bürgermeistereiversammlung)

Gutspächter von Burg Blens:
17??-183? Hubert Lauterbach
1847-1866 Wilhelm Grouven Paul Lauterbach
1904-1945 Hubert Jussen

Quellennachweis:
1 Rehm, Hermann, „Düren = Nideggen und das untere Ruhrtal“, Monschau 1888, S. 68
2 Guthausen, Karl, „Die Siedlungsnamen des Kreises Schleiden“ (unter Mitwirkung von R. Bergmann und H. Dittmaier). Rheinisches Archiv 63, Bonn 1967, S. 28
3 Sprandel, Rolf, „Verfassung und Gesellschaft im Mittelalter“, Paderborn, München, 2. Aufl. 1978, S. 159 f
4 Müller, Aegidius, „Beiträge zur Geschichte des Herzogtums Jülich, Bd. II, Bochum 1868, S. 182
5 Ebenda, S. 183
6 Norrenberg, P., „Geschichte der Pfarreien des Dekanates M.-Gladbach“, Köln 1889, S. 268
7 Stadtarchiv Nideggen, Urkunde Nr. 3
8 Ebenda, Urkunde Nr. 37a
9 Kaltenbach, J.H., „Der Regierungsbezirk Aachen“, Aachen 1850 (Neuauflage Monschau 1990), S. 143
10 Stadtarchiv Nideggen, Urkunde Nr. 39; Müller, Aegidius, „Herzogtum Jülich“, a.a.O., S. 182
11 Müller, Aegidius, „Herzogtum Jülich“, a.a.O., S. 148
12 HSTA Düsseldorf, Herzogtum Jülich, Lehen, A) Kanzleilehen Nr. 15, Blatt 60
13 Ebenda, Blatt 62
14 Stadtarchiv Nideggen, Urkunden Nr. 78, 80 und 81
15 Stadtarchiv Heimbach, Nr. 811, 8te Contra-Rechnung
16 Ebenda
17 Müller, Aegidius, „Herzogtum Jülich“, a.a.O., S. 184 ff.
18 HSTA Düsseldorf, Herzogtum Jülich, Lehen, A) Kanzleilehen Nr. 21
19 Abweichend dazu: Clemen, Paul, (Hrsg.), „Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz“, Bd. 11, Teil II, „Die Kunstdenkmäler des Kreises Schleiden“, bearb. von E. Wackenroder in Verbindung mit J. Krudewig und H. Wink, Düsseldorf 1932, S. 299
20 Ebenda, S. 300
21 Clemen, „Kunstdenkmäler“, a.a.O., S. 162
22 Müller, Aegidius, „Herzogtum Jülich, a.a.O., S. 162
23 Ebenda, S. 166
24 Vgl. dazu auch Rixen, P., „Hausen und Blens“, S. 9 in: Caro, K. und H.J. Scheufgen (Hrsg.), „Eifelgut“ – eine Sammlung heimatkundlicher Einzelschriften für Schule und Haus, Heft 7, „Eifelburgen“, 1. Teil: Die Nordeifel, s. 9-10, Düren 1931; Clemen, „Kunstdenkmäler“, S. 298
25 Goerke, Cyrillus, „Das Zisterzienserkloster Mariawald““, Mariawald 1929, 2. Aufl., S. 58 f., 72
26 Stadtarchiv Heimbach, Nr. 317 (An die Inspektoren der Kapelle…“)
27 Schorn, Carl, „Eiflia sacra oder Geschichte der Kloster und geistlichen Stiftungen der Eifel“ (zugleich Fortsetzung resp. Schluss der Eiflia illustrata von Schannat-Bersch), Bd. 2, Bonn 1888, S. 256/257
28 Baersch, Georg, „Eiflia illustrata oder geographische und historische Beschreibung der Eifel“, Köln 1852, S. 94
29 Generet, Hans-Heinrich, „Kommunalbaumeister Ch. W. Ulich 1997-1868, Aachen 1972 (Diss.), S. 181
30 Generet, Ulich, a.a.O., S. 181
31 Ebenda, S. 182 ff.
32 Stadtarchiv Heimbach, Nr. 317 (Schenkungsurkunde)
33 Quix, CH., „Die Grafen von Hengebach, die Schlösser und Städtchen Heimbach und Nideggen“, Aachen 1839, S. 64
34 Stadtarchiv Heimbach, Nr. 317 (Vermächtnis Lauterbach)
35 Müller, Aegidius, „Herzogtum Jülich“, S. 1651
36 Clemen, „Kunstdenkmäler“, a.a.O., S. 159
37 HSTA Düsseldorf, „Jülich-Berg III“, Hofkammer Nr. 743, Bl. 146/147
38 HSTA Düsseldorf, „Departement de la Roer“, Nr. 1686/Jahr 1812, S. 4
39 HSTA Düsseldorf, „Departement de la Roer“, Nr. 1686/Jahr 1812, Bevölkerungslisten, Canton Froitzheim-Blens
40 Baersch, „Eiflia illustrata“, a.a.O., S. 94
41 Kreisarchiv Euskirchen, I. 387, Blens 1. 4. 1902 (Eingang), Mathias Müller an Theodor Deuser (Bürgermeister/Heimbach)
42 Chronik Jünglingsverein Blens
43 Stadtarchiv Heimbach, „Chronik der Bürgermeisterei Heimbach 1823-1928“
44 Ebenda
45 Paul-Lützeler, Beate, „Die Erschließung der Eifel durch die Eisenbahn“, S. 36, in „Jahrbuch des Kreises Euskirchen 1987“, S. 32-37
46 Chronik Jünglingsverein Blens
47 Hohenstein, Adolf, „Schicksale zwischen den Fronten“ – Ein Kriegstagebuch vom 20. August 1944 bis 20. Mai 1945 für die Bevölkerung des alten Landkreises Monschau, Monschau 1982, S. 79
48 Kramp, Hans, „Rurfront 1944/45“ – Zeite Schlacht am Hubertuskreuz zwischen Wurm, Rur und Inde, Geilenkirchen 1981, S. 176; Groß, Manfred, „Kriegsende auch in Heimbach“ in: Jahrbücher des Kreises Düren 1987, S. 29
49 Chronik Jünglingsverein Blens